Ursberger Gebärdenbuch aus dem Jahr 1930 mit den dazugehörigen Filmrollen und Inhaltsverzeichnissen.

Die Notwendigkeit für Gebärden bestand schon immer

Schon bei der Gründung der „Taubstummenschule“ von Ursberg im Jahre 1896 haben die Klosterschwestern des Dominikus-Ringeisen-Werkes, die die mehrfachbehinderten Menschen unterrichteten, bemerkt, dass ohne Gebärdensprache, also nur über die Lautsprache und dem damit verbundenen Lippenablesen viel zu wenig Informationen an die Schüler weitergegeben werden konnten.

Die Schüler wurden ohne Gebärden an ihrer kognitiven Entwicklung regelrecht gehindert statt gefördert. So entwickelten die Klosterschwestern der Taubstummenschule in Ursberg eigene Gebärdenzeichen und benutzten diese für den Unterricht. Wohl gemerkt, dass 1880 im 2. Mailänder Kongress die Gebärdensprache an den Taubstummenschulen verboten wurden, da man dachte, dass die Gebärdensprache die Lautsprachentwicklung verhindern würde.

Heute weiß man, dass genau das Gegenteil der Fall ist: der Erwerb der Gebärdensprache fördert und stützt den Lautspracherwerb! Dies belegen zahlreiche Untersuchungen aus Amerika. Die Klosterschwestern in Ursberg waren ihrer Zeit also um über 100 Jahre voraus, denn erst am 1.Mai 2002 kam es zur politischen Anerkennung der deutschen Gebärdensprache als vollständiges Symbolsystem.


Ursprung der Ursberger Gebärden

Wie findig die Schwestern damals vorgingen zeigt das oben dargestellte Fotobuch. Um die Bewegung der Gebärde sichtbar und für Lehrer und Schüler verständlich machen zu können, hat sich eine Schwester vor eine Wandtafel gestellt. Auf dieser wurden exakt positionierte Pfeile aufgezeichnet, die die auszuführende Bewegung andeuteten, denn eine digitale Nachbearbeitung mit Bewegungspfeilen war in der damaligen Zeit noch nicht möglich. Das Ganze wurde dann auf einem Foto festgehalten. Viele der damaligen Gebärden haben sich bis heute erhalten und entsprechen zum Teil auch der Deutschen Gebärdensprache.

Heute gehört das alte Fotobuch zu einem der wertvollsten Schätze des Dominikus-Ringeisenwerks in Ursberg. Trotz des Verbots zu gebärden, haben sich die Ursberger Klosterschwestern für das Wohl ihrer Schüler eingesetzt und damit gegen die rechtliche Ordnung. Unter dem Leitsatz: "Jeder Mensch ist kostbar" begleitet das Dominikus-Ringeisen-Werk über 4000 Menschen mit Behinderungen. Allein In Ursberg betreibt das Dominikus-Ringeisen-Werk  4 Förderschulen. Eine davon, verantwortlich für die Ursberger Gebärden, ist das private Förderzentrum Förderschwerpunkt Hören und weiterer Förderbedarf.

Gebärde für Pferd damals und heute.

Entstehung der heutigen Gebärdenbücher

Die Gebärdenbücher sind zunächst als Nachschlagewerk und als Instrumentarium zur Erstellung von  Unterrichts-Arbeitsblättern für die Lehrer des Förderzentrums Hören in Ursberg entstanden. Mit den Gebärdenbildern auf den Aufgabenblättern der Schüler haben auch Kinder, die noch nicht lesen können, die Chance, sich auszudrücken und Geschriebenes zu verstehen. Bald hatten die Bücher sich in der ganzen Einrichtung verbreitet, was eine eindeutige Festlegung der Gebärden nicht nur im Schulsystem sondern auch in der Tagesstätte, im Heimbereich, in der Werkstatt und in der Förderstätte bedeutete. Jeder kann jeden verstehen, da in den gleichen Gebärdenzeichen kommuniziert wird.

Von links: Ingrid Steinle, Marlies Sieber, Brigitte Lang, Anika Mauer

Das 4-köpfige „Produktionsteam“ setzt sich zusammen aus:

  • Brigitte Lang, zur Auswahl und Beschreibung der Gebärden;
  • Marlies Sieber, als Fotografin und zur digitalen Nachbearbeitung der Gebärdenbilder;
  • Anika Mauer, zur finalen Überprüfung;
  • und Ingrid Steinle, die die Gebärdenbücher in Druckform gebracht hat.

Jede der 4 Frauen arbeitete in ihrer Freizeit und ehrenamtlich für die Erstellung der Ursberger Gebärdenbücher. Bis die Bücher in Druck kamen, brauchte es jahrelange Vorbereitungen. Im Moment arbeitet das Team an einem Gebärdenbuch speziell für Werkstätten (Metall, Holz, Hauswirtschaft und Gärtnerei) und Förderstätten.